Ahnenpfähle

Ahnenpfahl

Bis - Pfähle

Die Ahnenpfähle (bis) gehören zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Schnitzwerken der Asmat. Diese gewaltigen, bis zu acht Meter hohen Bildsäulen aus übereinandergetürmten Ahnenfiguren mit ihrem charakteristischen, ausladenden Flügel (cemen) am oberen Ende sind hauptsächlich in Zentralsamat verbreitet. Das ihnen gewidmete Kultfest hat heute wieder eine Belebung erfahren.

Anlass zu einem bis-Fest war früher das Empfinden der Dorfbevölkerung, dass das Gemeinwohl aufgrund einer Vernachlässigung kultischer Verpflichtungen ernstlich gestört sei. In der Vergangenheit war dieses Fest deshalb stets mit einem aus religiös-kultischen Gründen notwendigen Kopfjagdzug verbunden. Die über Monate dauernden Festvorbereitungen bestanden aus einer ganzen Anzahl von Zeremonien mit unterschiedlichsten Funktionen. Wichtigstes Ziel dieses Festes war jedoch die Befreiung der Seelen von durch Kopfjagd und schwarze Magie Verstorbenen aus ihrer unsteten Existenz in einer Zwischenwelt, damit sie in den Frieden des Ahnenreichs (safan) eingehen konnten. Familienclans gaben renommierten Künstlern den Auftrag, einen bis-Pfahl für ihre toten Angehörigen zu schnitzen. Den Höhepunkt des Festes bildete das Ausrufen der Namen der im bis-Pfahl Dargestellten. In diesem Ritual der Beseelung inkarnierten sich die Totenseelen in ihren geschnitzten Abbildern und waren noch einmal leibhaftig in ihrem Dorf anwesend. Nach dem Fest brachten die Eigner der Pfähle diese in ihre privaten Sagogründe. Dort forderten sie die Verstorbenen nachdrücklich auf, nun endgültig ins safan zu ziehen. Sie zerstörten die Pfähle mit einer Axt, um einer eventuellen Rückkehr der Geister vorzubeugen, und bedeckten sie mit Blättern.

Das bis-Fest gründet sich wie alle großen Kultfeste auf überlieferte Mythen. Eine davon ist die Mythe von der jungen und schönen Bis. Diese fand nach langen Irrwegen ihren wahren Liebsten Pupuripits, der sie wegen ihrer Schönheit als Modell benutzte, als er eine Bildsäule zum Andenken an seine verstorbenen Angehörigen schnitzte. Bis starb, weil ihre Seele in den nach ihrem Bildnis gestalteten Ahnenpfahl einging und dort blieb.

Bis-Pfähle werden aus dem Stamm eines Mangrovenbaums hergestellt. Der markante Flügel ist in filigraner Ajour-Arbeit aus einer natürlich aus dem Stamm gewachsenen Brettwurzel geschnitzt, die man als einzige stehen lässt. Da der Stamm zur Bearbeitung auf den Kopf gestellt wird, befindet sich der Flügel immer nah an der Spitze des Pfahls. Der Flügel symbolisiert einen aufgerichteten Penis. Er ist Ausdruck von Kraft und Fruchtbarkeit und ragt aus oder vor dem Unterleib der obersten, zuweilen auch zweitobersten Ahnenfigur empor. Die im Pfahl vergegenwärtigten Ahnen sind aufrecht oder kopfunter aus dem Holz geschnitzt. Manche bis-Pfähle dokumentieren eine ganze Familiengeschichte. Zudem erscheinen im Schnitzwerk zahlreiche Symbole und Motive, die einen Bezug zur Kopfjagd haben (Nashornvogel, Kakadu, Trophäenköpfe und andere). Der Fuß der Figurensäule ruht oft auf einem Einbaum, der die Verstorbenen über das Meer in das Reich der Ahnen bringen soll.

Die bis-Pfähle lassen sich in zwei große Kategorien einteilen. Die großen, sieben bis acht Meter hohen Pfähle erfüllten nur für ein Fest eine bestimmte Funktion. Danach wurden sie zerstört.
Die kleineren Pfähle verblieben dagegen als Hauspfähle an der Feuerstelle im Männerhaus des Dorfs, um den Lebenden in allen Schwierigkeiten beratend und unterstützend zur Seite stehen.

Schnitzer mit Ahnenpfahl